Les Misérables - Hoffnung, Gemeinschaftsgefühl, große Träume und Pläne

Les Misérables - einer meiner Träume ist wahr geworden. In einem Interview von Heinz-Rudolf-Kunze zur Veröffentlichung einer damals neuen CD meinte er, daß er noch für das Raimund-Theater in Wien zu tun hatte: am Libretto des Musicals "Les Miserables". Das macht einen eingefleischten HRK-Fan schon neugierig. Darüber hinaus kenne ich die Triologie von Victor Hugo. Im Lehrplan des DDR-Deutschunterrichtes war die Geschichte von Gavroche behandelt worden, daraufhin begeisterte mich auch der Rest des Werkes. Auch wenn Victor Hugo sehr ausführlich und detailgetreu schreibt, was sich manchmal nicht so leicht lesen läßt.

Bei einem Freund entdeckte ich die CD mit Aufnahmen und kenne also seit Ostern 1993 Text und Musik des Musicals. Seit ich hörte, daß in Duisburg "Les Miserables" aufgeführt werden sollte, war es mein Traum, diese Umsetzung der Bücher zu erleben. Erst scheiterte es an der Zeit, dann am Geld - aber endlich, dieses Jahr gönnte ich mir dieses Ereignis, auf das ich mich schon so lange gefreut habe. Die Musik lief zur "Vorbereitung" ständig.

Donnerstag, 02.07.98 - es war soweit. MEIN Musical! Trotz hochgesteckter Erwartungen eine überwältigende Vorstellung. Sofort fühlte man sich im Strudel des "Underdock-Lebens", eindringliche Melodien und eine sensible Textwahl von HRK. Die Menschen in Ketten, die Hoffnungslosigkeit. Dann der Auftritt des Bischoffs, den man vielleicht nur in Gänze begreifen kann, wenn man das Buch kennt. Valjean - ein Charakter und faszinierender Schauspieler, bei seinem Gegenpart überzeugte vor allem die Stimme. Die Aufführung erklärt einige Lücken, die in der CD auftauchen und eigentlich alle Akteure spielen nicht ihre Rollen, sie leben sie. Das Lied "Wer bin ich" der erste Meilenstein, den ich voll mitempfinden konnte. Alles Erreichte aufs Spiel setzen, die sichere Zukunft, die Aufgabe (Cosette), das Leben. Oder einen anderen retten, der vielleicht morgen wegen eines Diebstahls wieder festgesetzt wird, der nicht die Charakterstärke Valjans hat, den Anfeindungen als ehemaliger Häftling etwas entgegenzusetzen. Dann der Tod Fantine's, der erst durch die Anwesenheit Javerts eine unheimliche Brisanz erhält. Erschreckend die Nähe der Herkunft zwischen Valjan und Javert - und erstes Anzeichen für einen nicht bestehenden Zusammenhalt von Menschen eigentlich gleicher Voraussetzungen.

Empörend finde ich den Ausdruck "lustige Wirtsleute Thénardier", den ich im ausliegenden "Stella"- Journal las. Solch absolut räudiges Gesindel und Gesinnungslumpen noch als "lustig" zu bezeichnen, zeugt für mich nur davon, daß der Verfasser entweder das Stück nur mit halbem Interesse gesehen hat oder dessen Sinn nicht begreift. Wieder ist die reale Darstellung schockierend, mit der der "Handel" um Cosette abgewickelt wird.

Nun beginnt für mich der eigentliche Teil des Musicals - der Vorbote des Kampfes und dessen Ausgang. Die Liebesgeschichte - nun gut, Liebe spielt überall eine Rolle und ist sicherlich ein Garant für eine Publikumsklientel, aber die Revolte ist für mich das Wesen des Stücks. Wenn schon Liebe, dann finde ich es ebenso real wie unfair- die Frau, die dem geliebten Mann auf die Barrikaden folgt und seine Wünsche erfüllt schaut er nicht mal an, nein, er verguckt sich in so ein Gesichtchen, die weder eine Meinung zur Politik hat, noch sich irgendwann, wenns brenzlig wird, mal blicken läßt. Und letztlich läßt sie es zu, daß ihr Vater sich aus falscher Rücksichtnahme in die Einsamkeit zurückzieht. Aber das nur nebenbei.

Die Hoffnung, das Gemeinschaftsgefühl, die großen Träume und Pläne - wie nahe sind mir die Vorstellungen von Enjolras und seinen Genossen! Wie mitreißend und mutig die Lieder, wie tatkräftig die Vorbereitung. Doch leider auch wie trügerisch. Als Zuschauer kennt man nur zu gut den Ausgang, den diese und fast jede Revolution nimmt. Keiner macht sich Gedanken um ein "Danach", die Bevölkerung wird falsch eingeschätzt. Auch heute ist dies das Schicksal aller vorwärtsweisenden Initiativen, die wahren Barrikaden heißen Gleichgültigkeit und Ignoranz. Wie charakterisierend das Stück "Weiter" und "Dunkles Schweigen an den Tischen". Davor die sinnlosen Tode Eponine's und Gavroche's - besonders von letzterem strahlt eine Betroffenheit aus, die den kleinen Schauspieler zum Star macht. Der Weggang Valjans setzt der Resignation nur noch einen krönenden Gipfel auf. Er, der sich so oft überwunden hat, der sein Leben immer wieder im Kampf gegen sich und Javert verteidigt hat, sitzt allein da. Wird nicht zurückgehalten. Undank ist der Welt Lohn. An diesen Fragen nach dem Sinngehalt politischer Ideen (vor allem für mich persönlich), der Beziehung zu Freunden und der Möglichkeit einer Liebe ändert auch der für sich genommen hervorragende Auftritt des Ensembles im Epilog und der vordergründig optimistische Ausgang der Beziehung zwischen Cosette und Marius nichts. Diese geborgte Idylle hält keiner Hinterfragung stand. Was, wenn Marius das Scheitern seiner Ideale und den Tod seiner Freunde nicht verkraftet; was, wenn er eines Tages merkt, daß ihm die praktisch denkende und selbständig handelnde Ponine doch im Alltag mehr bedeuten würde als die etwas weltfremde, weil zu behütet großgezogene Cosette? Was, wenn Cosette die Last der wegen ihr gebrachten Oper nicht mehr tragen kann, die Anforderungen an diese Beziehungen nicht erfüllt werden? Was, wenn beide erkennen, daß dieses Scheitern ein ewiger Kreislauf ist, daß die Masse der vorverurteilenden, häftlingsverachtenden Arbeitsbevölkerung, die graue Menge der Bevölkerung ("Weiter") niemals die Kraft aufbringen wird, die Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit umzusetzen.

Ein wirklich gelungenes Musica, das zu solchen Fragen und Überlegungen anregt. Das zur Positionierung der eigenen Lebenspläne zwingt. Auch wenn Prof. Peter Weck sagt "Musical beansprucht nicht ernst zu sein, es will unterhalten.", so ist doch "Les Misérables"; eine Aufführung, deren Aussagekraft weit über diesen "Anspruch" an ein durchschnittliches Musical hinausgeht - wenn man bereit ist, sich den Fragen zu stellen.

Vielleicht ist für andere Zuschauer das Stück die Geschichte einer Liebe, die trotz Leid und Tote gut ausgeht, in der das soziale Gleichgewicht gewahrt bleibt und die Spinner der Barrikade verwirrte Opfer sind und in der die Thénardiers zwar böse, aber auch irgendwo lustig sind und wissen, wie man durchkommt.

Für mich ist es mehr - ist erstickter Schlachtruf, ist Realität (auch bzw. gerade im heutigen Zeitalter) und deckt sich mit eigenen Erfahrungen. Mit meinem Begleiter des Abends, einem Mailkumpel, den ich vorher noch nie gesehen habe, diskutierte ich die Frage, welche Revolution wirklich siegreich war. Die Einzige, auf die ich keine negative Erwiderung fand, war der amerikanische Unabhängigkeitskrieg. Wobei man da schnell auf das Thema, wie aus Opfern irgendwann Täter werden, kommt. Bleiben also Resignation, Trauer, Ergriffenheit? Das kleine, private Glück als einziges Lebensziel?

Tja, dies meine Gedanken zum Musical, das ganz bestimmt irgendwann wieder gespielt wird - mit mir als Zuschauerin!

(Kathleen - SuzuKathi@gmx.de, 25.02.2000)