Les Misérables- Premiere am 8. April in Bonn mit Hartwig Rudolz, Leah Delos Santos und Tom Zahner

Als die "Elenden" am 28. November 1999 nach fast vierjähriger (triumphaler) Leidenszeit im Duisburger Musical-Theater zwangserlöst wurden, war das Heulen und Zähneklappern innerhalb der eingeschworenen und ständig gewachsenen Les-Mis-Fangemeinde groß. Für viele brach eine (Musical-)Welt zusammen. Sie konnten nicht verstehen, dass ausgerechnet eines der substanziellsten (und ergreifendsten) Stücke, das je auf deutschen (und internationalen) Bühnen) reüssiert hatte, den um Rationalisierung und finanzieller Schadensbegrenzung bemühten Rotstift-Strategen eines wankenden, konkursbedrohten Stella-Konzerns zum Opfer fallen sollte. JOSEPH in Essen sollte ja wenige Wochen später das gleiche unrühmliche Schicksal ereilen. Geteiltes Leid - halbes Leid? In diesem Fall mitnichten!!

Der Katzenjammer war an beiden Standorten gleich groß - und sollte, wenn auch mit beträchtlicher zeitlicher Verzögerung, ja auch die Miezen in Hamburg ereilen. Immerhin bekommen die samtpfotenen Mäusefänger im Schwäbischen ja eine zweite Chance und treten hier am 2. März das Erbe von Belle, der Schönen, und ihrem Disney-Biest an, während Onkel Joe noch mehr als ein Jahr Abend für Abend in seinen bunten Träumermantel schlüpfen konnte - allerdings nicht in Deutschland, sondern im Wiener Raimund Theater.

Für Les Misérables hingegen schien der Ofen definitiv aus - geopfert und gestorben auf den Barrikaden wirtschaftlicher Verschlankungszwänge. Dass Jean Valjean und Co. nach wie vor im Londoner Westend auf der Palace-Bühne in der Shaftesbury Avenue gegen ihr Schicksal und soziale Ungerechtigkeiten anrannten, war da nur ein schwacher Trost für die hiesigen Anhänger dieses genialen Gesamtkunstwerks von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. Der Sprung über den Kanal schien für den durchschnittlichen germanischen Fan-Geldbeutel nun doch ein klein wenig zu kostspielig.
Bereits im Spätherbst vergangenen Jahres kam jedoch Entwarnung - aber nicht aus Duisburg, sondern aus der ehemaligen Bundeshauptstadt. Die Intendanz der Bonner Staatsoper hatte sich entschlossen, Inspektor Javert doch noch einmal auf den Fall des Sträflings Nummer 24601 anzusetzen. Aufatmen auch in anderer Hinsicht: Gerüchte, denen zufolge der durch diverse kontrovers aufgenommene Operninszenierungen bekannt gewordene Regisseur John Dew damit liebäugele, das Stück im Weltraum anzusiedeln, entpuppten sich (glücklicherweise) als Luftnummer. Die Pariser Straßenkämpfe als Bühnenvariante des "Krieg der Sterne" hätte ja selbst die Schmerzgrenze den eingeschworensten Freundes dieses Victor Hugo-Sujets den Seelenfrieden geraubt. Also: Viel Lärm (und Aufregung) um Nichts. Das Spacelab namens Monteuil-sur-Mer bekommt Startverbot, das dunkle Schweigen an den Tischen erfolgt nicht im dunklen All, sondern ist und bleibt von dieser Welt. Anders formuliert: Die klassische Variante sticht auch am Rhein.
Dennoch ist die Spannung und die Erwartung, was Dew da vom Stapel lässt bzw. lassen kann, groß. Immerhin hat der Meister eine hochkarätige Schar an populären Musical-Stars um sich geschart. Das Ensemble rekrutiert sich zum größten Teil nicht aus dem Personal-Fundus des Hauses, sondern wurde auf dem "freien Markt" gecastet. Und dabei haben die "Headhunter" nicht im Keller, sondern gleich in der ersten Liga gewildert.


Hartwig Rudolz wird im November 1999 nach einer seiner letzten Vorstellungen als Inspektor Javert im Duisburger Musical-Theater von Fans umringt und gefeiert. Jetzt ist er wieder da und wird vom Häscher zum Gehetzten. In der Bonner Les Misérables-Produktion spielt der Allround-Künstler den Jean Valjean. (Foto: Jürgen Heimann)

Kein Geringerer als "Alt"-Meister Hartwig Rudolz führt das prominente Teilnehmerfeld an. Als Valjean war der Allround-Darsteller ja bereits in Duisburg die Ideal-Besetzung gewesen und machte hier auch als Fahnder Javert eine starke, glaubwürdige und gute Figur. Das Hamburger Ex-Phantom dürfte sich, als Nummer 1 gesetzt, in Bonn allemal als Zugpferd erweisen.
Gesetzt den Fall, Tom Zahner stünde, so wie man ihn aus der Schimanski-Hochburg in Erinnerung hat, hinter der Theke einer neuzeitlichen Kneipe, selbst der abgebrannteste Penner würde ein Freibier von ihm glattweg ausschlagen und stattdessen lieber Wasser aus dem Stadtbrunnen schlürfen. Als schlitzohrig-krimineller, auf Profit-Maximierung fixierter und mit allen menschlichen Schlechtigkeiten "gesegneter" Räuber-Wirt Thénardier ist der Mann erste Wahl. Nicht von ungefähr stand er ja auch bereits in der Duisburger Les Mis-Premiere als Ur-Gastronom auf der Bühne. Im Frühjahr vergangenen Jahres war Zahner übrigens, aber von vielen unerkannt, in einer eher unscheinbaren Nebenrolle der Kölner Saturday Night-Inszenierung als Barmann und Farbenshop-Eigner Fusco zu sehen. Aber in Bonn ist er endlich wieder in seinem ureigendsten Element.
Die Bonner Staatsoper proudly presents außerdem: Leah Delos Santos. Die stimmgewaltige, sympathische (und nebenbei bildhübsche) Philippinin hatte ja seinerzeit als Premieren-Besetzung nicht nur als Schöne in Stuttgart abgeräumt; auch als Lisa in der Bremer Jekyll & Hyde-Produktion verlieh sie dieser Rolle bis Ende vergangenen Jahres neue Konturen. Bei Les Misérables will und wird sie als Cosette sicherlich Akzente setzen.

Jesse Web ( u.a. Cyrano) mimt den gnadenlosen, obrikeitshörigen und prinzipien-treu-verrückten Bullen Javert, Axel Mendrok steigt Cosette als Marius (erfolgreich) hinterher. Susanna Panzer steht vor der sicherlich nicht leichten Aufgabe, sich als Fantine an den Leistungen eines Top-Star wie Maya Hakvoort messen lassen zu müssen. Thénadiers bessere Hälfte ist in der Bonner Produktion übrigens Heike Schmitz, während Jens Janke den Enjolras verkörpert.

Zum 42-köpfigen Ensemble zählt unter anderem auch Christian Petru, der bis vor kurzem noch in der Oberhausener Höhle des kleinen grünen Drachens neben Ross Antony als Zweitbesetzung des Tabaluga-Sängers agierte. Als solcher ist Tausendsassa Bernie Blanks nach einer mehrmonatigen Auszeit seit Anfang Januar im TheatrO CentrO ja wieder die Nummer 1.

Was die musikalische Leitung der neuen Produktion anbelangt, durften sich die Bonner von Anfang an auf der sicheren Seite wähnen. Mit Klaus Wilhelm haben sie sicher aufs richtige Pferd gesetzt. Er dirigierte bereits das Les-Mis-Orchester in Duisburg.
Offizieller Probenstart ist übrigens am Montag, den 12. Februar. Dem Kreativ-Team und den Künstlern bleiben somit knapp zwei Monate Trainingszeit bis zur Premiere am Samstag, den 8. April. Dieser vorgeschaltet ist eine Woche zuvor am 1.4. bei freiem Eintritt eine öffentliche Matinee im Opernhaus am Münsterplatz, in deren Rahmen die Verantwortlichen und Protagonisten den Fans Rede und Antwort stehen sowie einzelne Szenen aus dem Stück vorstellen werden.
Nach der Premiere sind für die laufende Spielzeit folgende Aufführungen terminiert: 14. und 16. April, 10. und 24. Mai, 2., 15., 20., 27. und 2. Juni sowie 1., 3., 5. und 7. Juli. Nach der Sommerpause geht es dann in die zweite Les Mis-Runde. De Kartenvorverkauf beginntjeweils 28. Tage vor der jeweiligen Aufführung. Tickets können unter 0228/778008 bzw. per Fax unter 0228/775775 geordert werden. Zusätzliche lassen sich ferner unter der eMail-Adresse oper@bonn.de anfordern.

(Jürgen Heimann, 09.02.2001)