Interview mit Vera Bolten
"Das Wichtigste ist, dass Du einfach ganz normal auf dem Boden bleibst und Dich mit allen gut verstehst..."

Carsten Wehn und Marco Reuschel sprachen exklusiv für MrMusical.de am 14.04.2001 im Foyer der Oper Bonn mit Eponine-Darstellerin Vera Bolten.


Vera Bolten (alle Fotos: Marco Reuschel, MrMusical.de)

MrMusical: Erst einmal vielen Dank, dass Du hier bei uns bist. Wir haben ein bisschen über Dich im Internet recherchiert ...

Vera Bolten: ... ach ja, da ist noch meine Vita aus meiner alten Agentur drin - das ist wirklich ein bisschen unaktuell. Ich habe noch kein Internet - und da habe ich mich noch nicht so drum gekümmert.

MrMusical: Auf jeden Fall steht da drin, dass Du so fit bist, dass Du Action-Filme drehen könntest.

Vera Bolten: Das wusste ich, dass das jetzt kommen würde. Das war halt in erster Linie eine Fernsehagentur, und die wollen ja den Typen ein bisschen beschreiben, und da ich auch fit bin, haben sie das in dieser Form reingeschrieben. Es gibt ja schließlich diverse Krimiserien oder so im deutschen Fernsehen. Ob das jetzt so stimmt (Vera lacht) - also einen Cliffhanger würde ich bestimmt nicht hinkriegen.

MrMusical: Hättest Du denn Interesse daran, etwas im Fernsehen zu machen?

Vera Bolten: Also, ich habe es bisher noch gar nicht ausprobiert. Fernsehen an sich würde mich schon einmal reizen, klar, ein schöner Kinofilm wäre natürlich toll, deutsches Kino finde ich ganz klasse, oder auch mal eine Serie, aber ich hatte bisher überhaupt noch keine Zeit, mich darum zu kümmern. Man muss dann ja doch vorher ein bisschen Arbeit leisten und zu diversen Casting-Agenturen gehen, sich vorstellen, und das sind ja wieder ganz andere Leute als die aus dem Musicalbereich, wo man vielleicht schon ein paar kennt. Und deshalb habe ich mich da noch gar nicht drum gekümmert. Irgendwann habe ich mal Lust dazu, aber im Moment habe ich im Musical noch genügend Angebote, und es reizt mich auch noch sehr vieles. Es ist also nicht so, dass ich jetzt keine Lust mehr hätte oder mich schnell umorientieren müsste.

MrMusical: Neben "Les Misérables" hier in Bonn spielst Du auch noch in "Charly Brown".

Vera Bolten: Ja, genau, "Du bist in Ordnung Charly Brown" im Kleinen Theater in Berlin. Ich habe jetzt eine kleine Pause gemacht, weil ich ja jetzt die meiste Zeit hier in Bonn war, aber ab nächste Woche Donnerstag spiele ich dann wieder. Da bin ich die kleine Schwester von Charly Brown, Sally Brown. Das macht auch super viel Spaß.

MrMusical: Ihr habt ja auch schon dreimal verlängert. Ist es denn für Dich als Darstellerin ein großer Unterschied zwischen dem lustigen Charly Brown und dem etwas tragischeren "Les Misérables"? Wie kannst Du da so schnell hin- und herswitchen?

Vera Bolten: Also es ist ja an einem Tag nur eine Vorstellung. Und dann hat man schon ein bisschen Zeit, um sich umzustellen. Ich mache das eigentlich so, dass ich während der Zugfahrt, wenn ich hier hinfahre, das ganze Stück noch mal für mich durchgehe. Ich singe mich auch ein, gehe alles noch mal ein und dann konzentriere ich mich - und dadurch stelle ich mich eben auf die Rolle ein. Bei der Sally Brown ist es so, dass ich versuche, vorher möglichst albern zu sein und in der Garderobe Spaß zu machen. Wir sind auch eine tolle Truppe, wir machen da immer irgendeinen Mist und haben viel Spaß, wenn wir uns treffen - vor allem, wenn wir uns länger nicht gesehen haben. Und dann kommt man automatisch in die Stimmung rein. Wir haben da einfach sehr viel Spaß - und genau das ist auch das Stück. Das Charly-Brown -Musical besteht eigentlich nur aus Spaß, finde ich. Und hier bei "Les Misérables" kommt man, wenn man den Anfang hört und draußen steht - am Anfang bin ich ja auch mit im Ensemble - einfach schon durch die Musik rein. Das wird auch durch die Atmosphäre transportiert und das kriegt man schon mit, wenn man hinter der Bühne wartet. Und wenn man dann dran ist, dann hat man es hoffentlich.

MrMusical: Kommen wir noch mal zu Deiner Vita. Erzähle doch bitte einmal, wie Du überhaupt dazu gekommen bist, Musicaldarstellerin zu werden. Hast Du musikalische Vorfahren?

Vera Bolten: Vorfahren..., ja, es ist jetzt nicht so, dass ich aus "der" musikalischen Familie komme, wo wir immer darauf getrimmt wurden, Instrumente zu lernen oder so. Ich habe das immer probiert, aber ich habe nie Klavier geübt, deswegen habe ich das auch irgendwann drangegeben. Ich habe viel in Chören gesungen, im Kinderchor in der Kirche angefangen, später dann in der Musikschule, in Jugendchören und so weiter. Und dann war ich auf einem Gymnasium, das musikalische Menschen gefördert hat. Dort gab es eine Musical-AG und Theater-AGs. Ich war sowohl in der Theater- als auch der Musical-AG, und dadurch habe ich Spaß daran gefunden. Irgendwann habe ich dann Einzelgesangsunterricht genommen, Jazz-Tanz angefangen, und versucht, in andere Theatergruppen zu kommen, weil ich wusste: wenn Du das machen willst und Aufnahmeprüfungen bestehen willst, dann musst du schon Erfahrungen sammeln oder dich irgendwie vorbereiten. Irgendwann habe ich dann gezielt gesagt, dass ich das machen will. Ich fand Musicals auch klasse. Ich komme hier aus dem Raum - und da ist man natürlich immer zu "Starlight Express" und "Les Miz" gefahren. Meine Eltern sind mit uns viel ins Theater gegangen und haben uns viel in Musicals mitgenommen, weil die das auch selbst mochten. Dann habe ich mich and der Schule beworben - und es hat geklappt.

MrMusical: Du bist dann auf die HdK (Hochschule der Künste) in Berlin gegangen und hast da genau das studiert, was Du studieren wolltest. Bist Du problemlos angenommen worden oder musstest Du noch hart ackern?

Vera Bolten: Man muss zur Aufnahmeprüfung ein bestimmtes Prüfungsprogramm machen und darauf habe ich mich natürlich schon sehr gut vorbereitet. Man will sich ja auch von seiner besten Seite zeigen und nimmt das nicht so auf die leichte Schulter - man hat ja doch irgendwo nur eine Chance, sich zu präsentieren. Ich hatte mich ja auch an anderen Schulen beworben, aber die HdK war der erste Termin, den ich hatte - und ich wollte auch gern an die HdK, weil ich ein paar Leute kennengelernt hatte, die an der Schule studiert haben. Ich hatte einen Wettbewerb in Berlin mitgemacht, und da waren auch einige von dieser Schule. Und dann hatte ich einfach Glück, es hat beim ersten Mal geklappt - und dann habe ich mich direkt dafür entschieden, bin nirgendwo anders mehr hingefahren. Natürlich wollte ich auch gern nach Berlin, ist ja auch irgendwie eine Herausforderung.

MrMusical: Was hast Du denn da vorgetragen?

Vera Bolten: Man musste drei Gesangsstücke vorbereiten. Ich habe "Ein Häuschen im Grünen" aus dem "Kleinen Horrorladen" gemacht und "Ich will keine Schokolade" von Trude Herr, ein Schlager / Chanson, das Lied ist ganz kraftvoll, das lag mir auch ganz gut. Und "Warts nur ab, Henry Higgins" aus My Fair Lady. Und dann kamen ein paar Schauspielszenen, und in den späteren Runden ging es auch um das Improvisieren. Da wurde dann mit uns gearbeitet, und gefordert, was die von uns sehen wollten, auf Vorbereitete kam es dann nicht mehr so an.

MrMusical: Du hast relativ schnell in ganz großen Produktionen mitgewirkt, bist fast direkt zu STELLA gegangen. Von jungen Menschen, die gerade eine Ausbildung oder ein Studium hinter sich gebracht haben, hört man oft, dass sie sich nicht direkt auf das Berufsleben vorbereitet gefühlt haben. Hast Du Dich darauf vorbereitet gefühlt, auf eine große Bühne zu gehen, im Prinzip auf "die" Bühne, die die STELLA-Bühne zu dem Zeitpunkt noch war.

Vera Bolten: Ja, auf jeden Fall. Bei anderen Ausbildungen werden die Leute sicherlich mehr theoretisch ausgebildet. Wir lernen aber hauptsächlich praktisch. Es ist schließlich nicht so, dass wir ein Buch bekommen: "So geht Ballett", lest Euch das mal durch. Wir machen natürlich Ballett, das ist eben etwas, was man nur praktisch lernen kann. Gerade unsere Schule bereitet sehr auf den schauspielerischen Aspekt vor. Das finde ich sehr wichtig. Es ging sehr um Darstellung und um die Kombination der drei Bereiche Gesang, Tanz und Schauspiel. Wir haben auch viele Projekte durchgeführt, so dass man sich schon einmal ausprobieren konnte. Ich habe mich eigentlich sehr gut darauf vorbereitet gefühlt. Die Lehrer unterstützen einen auch darin, vielleicht vor Ende der Ausbildung schon einmal etwas auszuprobieren, weil die eben gerade nicht wollen, dass man nach 4 Jahren da steht: "Jetzt habe ich die Ausbildung, aber wie macht man das jetzt wirklich?" Es gibt studienbegleitende Projekte, und viele meiner Kollegen haben auch während ihrer Studienzeit kleinere oder jetzt wie ich größere Engagements. Meistens unterstützen die Lehrer das, weil es ja für uns nicht darum geht, später den Schein "Diplom-Musicaldarsteller" in der Hand zu haben. Das ist sowieso schon sehr lustig ist. Es geht schließlich darum, bei den Auditions einen Job zu kriegen, und was Du für eine Ausbildung hast, das interessiert nicht unbedingt. Es interessiert, was du dann zeigst!
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MrMusical: Was macht für Dich den Reiz aus, bei "Les Miz" zu spielen.

Vera Bolten: Das ist natürlich ein Stück, das man selbst gut kennt, und das auch viele Leute gut kennen. Die Musik mochte ich eigentlich immer schon sehr gerne. Zum Beispiel "Nur für mich" ist so ein Lied, das man schon öfter gesungen, vielleicht sogar im Repertoire hat. Ich finde, das ist ein Stück wie viele andere Stellen des Musicals, wo Du die Tränen in den Augen stehen hast, Du bist einfach gerührt. Am Schluss zum Beispiel, wenn der Chor anfängt, dieses "Hört Ihr, wie das Volk erklingt" zu singen - und die kommen da so langsam hochgefahren, und wir setzen dann ein - ich finde man merkt, dass da viel Geschichte hinter steckt. Das ist eine ergreifende Story einer ergreifenden Zeit - und ich finde, das merkt man an vielen Stellen.
Und ich finde auch die Geschichte meiner Rolle ergreifend, sie ist zwar traurig, aber vielleicht auch gerade deshalb wirklich ergreifend. Mit Eponine kann ich mich auch ganz gut identifizieren - also nicht, dass ich jetzt so früh sterben wollte - und so unglücklich verliebt bin ich auch nicht, aber so vom Typ her, dieses Burschikose und gleichzeitig Toughe, das finde ich sehr reizvoll. [Diese Antwort als Real-Media-Video (766 kb)]

MrMusical: Du wirkst sehr jung in der Rolle der Eponine. Hast Du sie bewusst an eine Dir bekannte Interpretation angelehnt, oder sie komplett neu für Dich erarbeitet?

Vera Bolten: Nein, in Duisburg habe ich "Les Misérables" nur einmal gesehen, da kann ich mich auch gar nicht mehr so gut dran erinnern. Ich bin da einfach rangegangen, habe auch keine bestimmte Vorlage vom Regisseur bekommen. Ich hatte eigentlich nur den Text und die Geschichte, die man ja kennt. Und ich gehe da immer situationsmäßig ran. Ich improvisiere gern, besonders am Anfang , dann probiere ich verschiedene Sachen aus und irgendwann finde ich dann eine Version, die mir gefällt. Eponine hat kindliche Stelle, z.B. wenn sie singt "Schon so lang, hab ich solch einen Menschen gesucht", ich finde, da kommt sie sehr zart und zerbrechlich rüber, aber es gibt auch Stellen, wo sie sehr tough wirkt, zum Beispiel manchmal, wenn sie mit Marius spricht. Ich hoffe, dass sie nicht zu kindlich rüberkommt, dann muss ich das noch mal überdenken. [Diese Antwort als Real-Media-Video (551 kb)]

MrMusical: Ganz im Gegenteil. Ich fand das sogar sehr positiv. Enjolras kommt auch sehr jung rüber, aber das Stück handelt schließlich auch von Studenten, die sicherlich nicht Ende 30 anzusiedeln sind.

Vera Bolten: Ich denke, man geht ja heute auch sehr von sich aus. Ich bin eben noch einigermaßen jung und das kommt dann in der Rolle mit rüber. Es ist jetzt nicht so, dass ich die Eponine bewusst versucht habe, jung anzulegen. Ich bin von mir ausgegangen, wie würdest du das machen, wie würdest du dich in der Situation verhalten. Ich denke, das war auch irgendwo mein Vorteil, dass ich eben noch nicht in Duisburg gespielt habe und auch noch nicht so viel mit dem Stück zu tun hatte. Ich bin da ganz unvoreingenommen rangegangen und habe Dinge, die vorher schon sehr klar in der Rolle verankert waren, nicht übernommen, weil ich sie nicht kannte.

MrMusical: Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor, was möchtest Du gerne als nächstes spielen, wo hast Du Angebote, gibt es vielleicht eine Traumrolle?

Vera Bolten: Erstmal habe ich dieses Jahr ganz gut ausgefüllt. Ich mache noch "West Side Story" in Braunschweig, bis zum Sommer Charly Brown und dann noch eine Produktion in der Kölner Oper - Sommernachtstraum, das ist auch eine Wiederaufnahme. Im Moment bin ich ganz gut ausgelastet. Ich bin auch nicht auf so viele Auditions gegangen, weil ich ziemlich viele neue Stücke gemacht habe, jetzt auch gerade, seitdem ich mit Glöckner aufgehört habe, hatte ich drei oder vier Premieren. Jetzt wollte ich es mal ein bisschen auf mich zukommen lassen. Oft überschneidet sich auch was, man hat schon ein Engagement, und dann will man sich nicht überall bewerben und kann eigentlich doch nicht. Deshalb habe ich das jetzt erst einmal so ein bisschen laufen lassen. Traumrollen? Da gibt es sicherlich viele. Na klar, eine Sally Bowles will man mal spielen, eine Eliza Doolitle will man mal spielen, das sind ja so die klassischen Rollen, eine Elisabeth wäre natürlich toll, aber ich glaube, da muss ich wirklich noch ein paar Jahre warten, und das ist auch immer eine Typfrage. Für manche Rollen passt man vielleicht nicht so gut und da muss ich mal gucken. Es gibt sicherlich jetzt einige Rollen, die vom Typ sehr gut auf mich passen, wie die Eponine. Da passe ich jetzt ganz gut drauf, weil ich noch recht jung wirke. Die anderen Sachen lasse ich auf mich zukommen. Ich denke, es gibt noch viele Herausforderungen. "Rent" würde ich gern mal machen, aber das ist ja jetzt leider in Deutschland nicht mehr so aktuell - und ich glaube an den Broadway -das braucht man nicht zu probieren, da kommt man nicht hin. Außerdem ist es mit Greencard und Gewerkschaften sehr schwer. Es ist auch nicht so, dass ich sage: "Das non plus ultra ist der Broadway, da will ich unbedingt hin." Ich finde, es gibt in Deutschland gute Möglichkeiten, und es werden hier auch deutschsprachige Musicaldarsteller gebraucht. Warum sollten wir dann woanders hingehen?

MrMusical: Nun spricht man von einer Musicalkrise in Deutschland, und Menschen proklamieren, es würde bald keine Musicals in Deutschland mehr geben...

Vera Bolten: Ach, das ist doch schon lange so. Jetzt haben wieder einige neue Sachen aufgemacht, "Cats" ist nach Stuttgart gegangen, "Vampire" in Stuttgart, Elisabeth, das sind alles Sachen, die erstmal gut laufen. Nur weil ein Musical nur ein bis zwei Jahre läuft, heißt das doch noch lange nicht, dass die Leute das nicht mehr sehen wollen. Diese Vorstellung, dass alles fünf, sechs oder wie "Starlight Express" 15 Jahre laufen muss, und es nur dann ein Erfolg ist, wenn es endlos lange läuft, ist ja auch ein bisschen übertrieben. Ich finde, das ist einfach eine Erwartungshaltung, die zu groß ist, und wenn ein Musical 2 Jahre lang gut läuft und ausgelastet ist, ist das auch ein Erfolg. Ein Stadttheater hat eine Produktion vielleicht nur 11 mal in der Spielzeit auf dem Spielplan und macht dann bei Erfolg noch einmal eine Wiederaufnahme. Da spricht keiner davon: "Och Gott, das haben die ja nur 20 mal gespielt, das ist aber kein gutes Stück." Insofern ist da die Erwartungshaltung schwierig. Jedes Stattheater, jede Staatsoper hat doch mittlerweile pro Spielzeit ein Musical im Spielplan, und die werden doch sehr gut angenommen. Das zeigt, dass die Leute das sehen möchten. Sie möchten vielleicht nicht immer 400 km fahren, um nach Hamburg oder so zu kommen, sondern möchten das auch in ihrem eigenen Stadttheater sehen. Dort werden immer mehr gute Produktionen gemacht -auch gute Darsteller an das Haus geholt und nicht nur mit dem eigenen Ensemble gearbeitet, was ja manchmal schwierig ist. Das liegt einfach in der Natur der Sache, es sind ja meist klassische Sänger. Ich denke, dass da ein Umdenken zu kleineren Produktionen stattfindet, aber dass das Musical nicht mehr attraktiv ist, das glaube ich nicht, dafür gibt es genügend Gegenbeispiele.

MrMusical: Dann muss man sich einfach fragen, was ein gutes Musical ausmacht. Machen 60 Millionen DM für ein neues Haus oder gute Darsteller ein "gutes" Musical aus, die das Publikum in den eigenen Bann ziehen können?

Vera Bolten: Das denke ich - und ich denke, dass da auch der Trend hingeht. Ich denke, dass es auch wichtig ist, gute Regisseure zu haben, Leute, wo einfach was rüberkommt. Es wird mehr und mehr dazu übergehen, dass man sagt, "der kann gut Musical inszenieren" und nicht, dass es so dargestellt wird, als könnte man das mal eben machen - das ist eben nicht so. Manche denken das aber noch - gerade an Stadttheatern hat man manchmal das Gefühl, das wird nicht so ernst genommen. Das ist manchmal schade, aber wenn dann das Publikum bei einer guten Inszenierung begeistert ist, dann sind die Macher doch auch froh. Insofern denke ich, das sollte man nicht so negativ sehen.

MrMusical: Was muss eine junge Darstellerin neben guten Gesangsfähigkeiten, einer guten Schauspiel- und Tanzausbildung haben, um sich im Musicalbereich etablieren und halten zu können?

Vera Bolten: Ich bin ja erst seit einem Jahr so richtig dabei - was man braucht, um sich zu halten, weiß ich vielleicht noch gar nicht. Ich denke, in erster Linie ist einfach wichtig, dass Du Spaß an der Sache hast und Power, die Du mit auf die Bühne bringst und das ausstrahlst. Dass die Leute sagen, Du hast Präsenz und du bist da. Das sagen immer viele. Wenn ich etwas Positives höre, dann ist es: "Du hast viel Präsenz oder viel Ausstrahlung" und ich denke, dass das auch wichtig ist, und das hat mit einer Art Power zu tun und mit Spaß. Und wenn Du das wirklich machen willst und dahinter stehst und selber denkst, das wollte ich, ich bin stolz, ich finde es toll, hier zu stehen und siehst es nicht als Routine an, dann kommt das auch rüber bei den Leuten, die wollen ja auch ein bisschen von Dir sehen. Und wenn Du mit Herz und Seele dabei bist, dann klappt das schon.

MrMusical: Und was braucht man Backstage - braucht man den berühmten Ellenbogen?

Vera Bolten: Ich habe das noch nicht so erlebt. Klar gibt es mal Eifersüchteleien, dass man denkt, "das hätte ich auch gern gemacht", aber dann gehst Du ja nicht zu der hin und sagst: "Bist Du blöd" und schubst sie die Treppe runter. Ich finde, das ist wirklich sehr übertrieben. Ich habe mich eigentlich mit allen Kollegen bei allen Produktionen bisher sehr gut verstanden. Natürlich gibt es mal welche, die Du mehr oder weniger magst, aber das hast Du ja in jedem Beruf. Ich finde es immer schön., wenn Leute wirklich kollegial, nett sind, das hat auch was mit Professionalität zu tun. Wenn jemand dann immer auf sich aus ist - Diva - das macht eine schlechte Stimmung. Aber so viele, wie man immer denkt, gibt es davon gar nicht. Es gibt sehr viele, nette, normale Leute, mit denen man dann hinterher gut einen trinken gehen kann oder zwischendurch auch in der Umkleide oder so Spaß hat. Ich finde, das ist auch das Wichtigste, dass Du einfach ganz normal auf dem Boden bleibst und Dich mit allen gut verstehst... [Diese Antwort als Real-Media-Video (400 kb)]

MrMusical: Vielen Dank für das tolle Gespräch!

(Carsten Wehn, Marco Reuschel, MrMusical.de, 14.04.2001)