"Chicago" - Musik-Theater, wie es sein sollte: Packend, aufregend und sinnlich

"Musical at it's best! - Eine Inszenierung voller Power, Leidenschaft und prickelnder Erotik

Das ist Musik-Theater, wie es sein sollte und wie man es leider heutzutage nicht mehr allzu oft zu sehen, zu hören und zu erleben bekommt. Ohne Schnick-Schnack, High-Tech-Bombast und Bühnen-Firlefanz aus der Trickkiste selbstverliebter Computer-Operatoren, deren einziges Streben oft nur darin besteht, immer neue, noch atemberaubendere Illusionen als die vorherigen zu kreieren. Das Publikum kommt angesichts einer immer ausgefeilteren Bühnen-, Licht-, Sound- und Kulissentechnik nicht aus dem ungläubigen Staunen heraus, während der Mensch, der Künstler und seine Performance immer mehr in den Hintergrund rücken. Längst Alltag auf den deutschen und internationalen Musicalbühnen. Aber es gibt noch (rühmliche) Ausnahmen - Gott sei Dank! "Chicago" ist eine solche. Im Düsseldorfer Capitol steht dieser unsterbliche Kander & Ebb-Klassiker seit dem 4. Oktober auf dem Spielplan. Befristet auf drei Monate, treiben die lasziven Killerladies in dem früheren Eisenbahndepot in der Erkrather Straße noch bis Ende des Jahres ihr Unwesen. Und sie tun das mit Power, Hingabe, Leidenschaft und Spielwut. Nichts wie hin!


Eine 1,80 Meter große geballte Ladung aus Erotik, Charme, Ausstrahlung, Talent - und Beinen bis zum Himmel. Anne Mandrella (Mitte), ist, obwohl erst 30 Jahre jung, schon eine "Chicago"-Veteranin. (Foto: Jürgen Heimann)

Es ist eine durch und durch aufregende und gelungene Neuinszenierung, die einem Vergleich mit vorangegangenen Produktionen in Wien und Berlin locker stand hält. Nicht nur, aber auch, weil am Rhein gleich mehrere jener Top-Künstler an den Start gehen, die ja bereits bei den beiden großen deutschsprachigen Vorgänger-Vorbildern an Donau und Spree mit im Boot waren und wesentlichen Anteil daran hatten, dass diese so ungemein erfolgreich waren: Die unvergleichliche Anna Montanaro beispielsweise, die ja in ihrer Paraderolle als "Velma Kelly" unlängst auch im Shubert Theatre am New Yorker Broadway so nachhaltig abgeräumt hat. Von Hildegard Knef und Ute Lemper einmal abgesehen, war es bislang keiner deutschen Künstlerin vergönnt, sich im Mutterland des Musicals durchsetzen können. Sie hat es auf Anhieb geschafft - und die show-verwöhnten Amis lagen ihr zu Füßen.


In Düsseldorf läuft die Deutsch-Französin Anne Mandrella als "Roxie Hart" (rechts) zu neuer Höchstform auf und ist mit ihrem teuflischen Spielwitz, ihrer komödiantischen Ausdrucksstärke und ihrer vokalen Power Weltstar Anna Montanaro (links) eine gleichwertige Partnerin. Im großen Finale vereinigen sich die beiden Killer-Ladies zu einer fulminanten Schluss-Nummer. (Foto: Jürgen Heimann)

Ja und da wäre ja auch noch die Deutsch-Französin Anne Mandrella als Revue-Mädchen "Roxie". Eine 1,80 Meter große geballte Ladung aus Erotik, Charme, Ausstrahlung, Talent - und Beinen bis zum Himmel. Isabel Weicken als grandiose "Mama Morton" und der auf Underdog-Rollen abonnierte Léon van Leeuwenberg als Amos Hart, der, egal wo, für seinen "Mister Zellophan" stets langanhaltenden Zwischenapplaus einfährt, sind ebenfalls hochdekorierte Chicago-"Veteranen".

Zu den Pluspunkten auf der Düsseldorfer Cast-Liste zählt aber zweifellos und allemal auch Wolfgang Höltzel, der den schmierigen und windigen Winkeladvokaten Billy Flynn absolut überzeugend über die Rampe bringt und dessen Part einige ganz neue Facetten verleiht. Das Musical-Publikum kennt den Künstler unter anderem noch als "Inspektor Javert" aus der Duisburger Les Misérables-Inszenierung. Dort hat seinerzeit auch Kati Farkas als "Mme Thénardier" hinterm Tresen gestanden. Die Ungarin zeichnet in Düsseldorf "nebenbei" als Dance-Captain verantwortlich und spielt auf der Bühne jene unglückliche Hunyak, die das zweifelhafte Privileg genießt, nach Jahrzehnten als erste Insassin des Cook-County-Knastes durch den Strang hingerichtet zu werden. Die gebürtige Budapesterin steht auch als Cover der Roxie Hart und Mama Morton in Reserve.


"Chicago" lebt vor allem auch von der prickelnden, erotisch aufgeladenen und anspruchvolle Choregrafie, die von spannender Eleganz und der charakteristischen Ästhetik des Fosse'schen Bewegungsvokabuklars durchtränkt ist. Und da ist Anna Montanaro in ihrem Element. (Foto: Jürgen Heimann)

Das Publikum bekommt in Düsseldorf (selbstverständlich) eine deutschsprachige Chicago-Fassung zu sehen und zu hören. Übersetzung: Helmut Baumann und Erika Gesell. Ihnen ist es zu verdanken, dass das faszinierend-spritzige und zynische Orginal-Libretto eines Fred Ebb durch die germanische Version nicht leidet. Die meisterliche Choregrafie entspricht dem Broadway-Original von Anne Reinking und Bob Fosse, die Regie - hier liegt sie in den Händen von Scott Faris - ebenfalls der New Yorker Original-Vorlage. Weltweit gibt bzw. gab es inzwischen zwölf Chicago-Produktionen, die Düsseldorfer ist die 13. Kein schlechtes Omen. Aberglaube ist hier fehl am Platz! Egal wo dieser fulminante, sarkastisch-freche und bissige, von subtiler Skepsis durchdrängte Bestseller gespielt wird - die Kritiker überschlagen sich in seltener Einmütigkeit: "Entertainment at it's best!" Die Wertungen ähneln sich irgendwie überall: Da ist unisono von einer "Sternstunde des Musicals" die Rede.


Wolfgang Höltzel in der Rolle des Anwaltes Billy Flynn versprüht als windiger Rolf Bossi der 20-er Jahre eine wohldosierte Mischung aus Arroganz und Charme. Er macht sich außerordentlich gut im Kreise der leicht bekleideten Damen, die ihn mir großen, weißen Federdächern umschwirren. (Foto: Jürgen Heimann)

Und dabei ist "Chicago" alles andere als eine Hochglanz-Inszenierung, sondern kommt ziemlich karg und von der Ausstattung her gesehen sogar eher minimalistisch angehaucht daher. Nicht bunt und schillernd, sondern in genialer Schlichtheit, düster und in elegantem Schwarz-Weiß gehalten. Kein Bombast, kein unnützes Beiwerk. Die Ausstattung besteht aus wenigen Bistrostühlen. Mehr bedarf es nicht: Die Show an und für sich ist schon Spezialeffekt genug und lebt durch die sie tragenden, durchweg großartigen Künstler - und natürlich die Musik mit ihrem knackigen Jazz-Sound und den vielen treibenden Ensemblenummern. In seiner Partitur ist John Kander wirklich mit jedemTitel ein Volltreffer gelungen. Das fängt bei "All that Jazz" an und hört beim Zellenblock-Tango oder dem "Honey Rag" noch lange nicht auf.

Das temperamentvolle, von Scott Lawton geleitete Orchester sitzt mitten auf der Bühne, auf dem verbleibenden Platz davor, daneben oder inmitten der Musiker feiern die Darsteller, die ansonsten im Seitenbereich und für die Zuschauer stets sichtbar, auf ihren Einsatz warten, eine tänzerische und stimmliche Mega-Party. Die Herren in engen Hosen und halboffenen Hemden, die Damen in schwarzen, knappen und sündigen Tanz-Bikinis oder Varieté-Negligés. Die prickelnde, erotisch aufgeladene und anspruchvolle Choregrafie nimmt, durchtränkt von spannender Eleganz und der charakteristischen Ästhetik des Fosse'schen Bewegungsvokabuklars, gefangen. Wie aufregend und prickelnd kann Musical doch sein.


Und immer wieder Anna Montanaro: Ihre von schräger Komik und Erotik sprühende Darstellung des zügellosen Biestes Velma Kelly ist ein Genuss fürs Auge und fürs Ohr. Man fragt sich, woher diese zierliche, nur 168 Zentimeter große blonde 28-jährige Power-Frau die Energie hernimmt, diese exzessive, einem Hochleistungsportler alle Ehre machenden Pflicht-Kür allabendlich durchzustehen. (Foto: Jürgen Heimann)

Das Ensemble ist ohne Abstriche hochkarätig. Natürlich dominieren die beiden Killerladies Velma und Roxie. Anna Montanaros von schräger Komik und Erotik sprühende Darstellung des zügellosen Biestes Velma Kelly ist ein Genuss fürs Auge und fürs Ohr. Man fragt sich, woher diese zierliche, nur 168 Zentimeter große blonde 28-jährige Power-Frau die Energie hernimmt, diese exzessive, einem Hochleistungsportler alle Ehre machenden Pflicht-Kür allabendlich durchzustehen, und das so nachaltig überzeugend. Da knallt halt irgendwie die ehemalige Kunstturnerin voll durch.

Anne Mandrella als ihr mörderischer, durchtriebener Gegenpol Roxie Hart steht ihr da in nichts nach, sowohl was ihren teuflischen Witz, als auch ihre vokale Kraft anbelangt. Nachgerade perfekt und unübertroffen komisch ihr Zusammenspiel mit Winkeladvokat Wolfgang Höltzel als Marionette in "Beide griffen zum Colt". Letzterer versprüht als windiger Rolf Bossi der 20-er Jahre eine wohldosierte Mischung aus Arroganz und Charme. In Düsseldorf ist die Rolle des Anwaltes Billy Flinn außerdem mit Nikolas Gerdell besetzt.


Blumen für die Killerladies: Das Ensemble wurde nach der Premiere vom Publikum stürmisch gefeiert. (Foto: Jürgen Heimann)

Zumindest auf dem europäischen Festland ist derzeit kein Darsteller weit und breit in Sicht, der dem Wiener Ur-Amos (Hart) Léon van Leeuwenberg auch nur annähernd das Wasser reichen könnte. De Bursche ist als biederer, von seinem sexbesessenen Weib Roxie so schamlos hintergangener Ehemann, Looser und Tölpel unerreicht.Gleiches gilt für Mama Morton (Isabel Weicken), ohne die im Cook-County-Singsing ja nix läuft, die sich ihre Dienste als Glucke und Beschützerin der inhaftierten Mörderinnen aber fürstlich honorieren lässt.

Lassen wir zum Schluss die Kollegen der New York Times zu Wort kommen: "Ein Musical für die Ewigkeit. Chicago bringt uns direkt in den Musical-Himmel". Das Wetter......

(Jürgen Heimann , 09.10.2001)