Les Misérables - Sachsen auf den Barrikaden

Mit eigenen Leuten und einfallsreicher Regie toppt die Chemnitzer Oper Trevor Nunn

Ja, man darf "Les Misérables" neu inszenieren. Man muss nicht mehr die Originalinszenierung von Trevor Nunn spielen, seit diesem Jahr (Bonn hat in Deutschland den Startschuss gegeben) dürfen auch Stadttheater das Werk auf die Bühne bringen. Man darf, sagt Rechteinhaber Cameron Mackintosh. Aber darf man es wirklich? Muss eine Neuproduktion nicht zwangsläufig zurückbleiben hinter der hervorragenden Originalinszenierung (wie sie in London, Wien, Duisburg, Sydney, Tokyo und überall auf der Welt lief)? In Bonn ist das leider streckenweise der Fall, ohne dass man es ernsthaft den dortigen Machern anlasten würde. Lange Rede, kurzer Sinn: Man darf nicht nur, man kann auch! Was die Chemnitzer Oper, spätestens seit "Fame" die Musicalhochburg des Ostens, mit Ihrer Neuinszenierung des Schönberg/Boubil-Klassikers auf die Beine gestellt hat, ist einfach grandios: Eine Stadttheateraufführung, die noch packender, noch mitreißender, noch nahegehender ist als die Multi-Millionen-Originalproduktion. Hätte man den Satz nicht schon einmal in Duisburg gesagt, würde man ihn jetzt verwenden: Besser geht's nicht.

Dass dem so ist, liegt vor allem an der Regie von Michael Heinicke. Er spielt mit den Figuren, kehrt die Schwächen der Charaktere in Stärken um. Lässt Marius wesentlich weniger schleimig daherkommen. Lässt die Cosette ihre übertriebene Lieblichkeit parodieren (und zieht ihr ein rosa Kleid an wie Lisa in "Jekyll & Hyde"). Verlegt das kitschige "Mein Herz ruft
nach dir" augenzwinkernd auf einen Romeo&Julia-Balkon. Überrascht mit dezenten Textänderungen ("Hört das Volk, hört den Gesang"). Und wagt es sogar, den Schluss zu ändern (und verleiht im damit eine noch größere Wirkung).

Auch die Bühnenbilder und -effekte sind grandios und übertrumpfen an einigen Stellen sogar das Original. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass die Oper Chemnitz mit ihrer riesigen Drehbühne und drei integrierten Hubbühnen wohl zu den technisch am besten ausgestatteten Theatern in Deutschland gehört - nicht nur die Bonner werden neidvoll Richtung
tschechische Grenze schauen. Das Bühnenbild (Reinhart Zimmermann) steckt voller kreativer Ideen. Ob Fantines Fabrik, der Straßenstrich, die Kanalisation oder die Barrikade (eine alte Häuserfront, die im Laufe der Straßenschlachten tatsächlich zerschossen wird) - immer sind riesige Bauten im Einsatz. Für "Morgen schon" steht das (wie in Stadttheatern üblich: riesige) Ensemble in vier Ebenen vor und auf den Huppodien, ein beeindruckendes Bild.

Obwohl nur drei bekannte Musical-Solisten zum Team gehören, ist auch die Besetzung sehenswert. Reinhard Brussmann (die Wiener Originalbesetzung) spielt als Valjean in einer Klasse mit Hardy Rudolz. Und wie gut muss Steffen Friedrich als Javert sein, wenn der wirklich beeindruckende Matthias Winter aus Annaberg-Buchholz nur die Zweitbesetzung ist? Cornelia Drese ist als Fantine bekanntermaßen klasse, aber auch ihre weniger namenhaften Kollegen überzeugen: André Riemer und Kerstin Randall als Marius und Cosette, Musical-Entdeckung Ulrike Barz als unter die Haut gehende Eponine, Christian Müller als Enjolras. Nur den Thénadiers (Piotr Bednarski, Sylvia Schramm-Hellfort) gelang es nicht so recht, die Herzen und Lachmuskeln des Publikums zu erobern.

Gibt es nicht doch noch etwas Negatives zu sagen? Doch, die musikalische Leistung in den großen Ensemblenummern. Dirigent Eckehard Stier hatte sein Orchester zwar gut unter Kontrolle, bei dem Chor war er da weniger erfolgreich - viele Stellen arteten ungewollt zum Kanon aus.

Trotzdem: Was die Chemnitzer da auf die Beine gestellt haben, ist eine brillante Leistung. Wer die Fahrt ins tiefste Sachsen nicht scheut, wird belohnt: ein Stadttheater-Musical, wie es wohl besser nicht sein kann.

Infos: www.theater-chemnitz.de. Die Besetzungen: Valjean (Reinhard Brussmann/Steffen Friedrich), Javert (Steffen Friedrich/Matthias Winter), Marius (Markus Liske/André Riemer), Cosette (Ute Baum/Kerstin Randall), Thénadier (Piotr Bednarski, Jürgen Mutze), Madame Thénadier (Sylvia Schramm Heilfort/Monika Straube), Fantine (Cornelia Drese), Eponine (Ulrike Barz/Annett Putz), Enjolras (Matthias Otte/Christian Müller).

(Robin Jantos, 18.12.2001)