In Oberfranken küsst die Spinnenfrau den schwulen Schaufensterdekorateur zu Tode

Deutsche Erstaufführung des Kander & Ebb-Meisterwerkes in Coburg

Weiß der Himmel, warum das so ist, aber die innovativen, die deutsche Musical-Landschaft beflügelnden Impulse kommen meist nicht von den millionenschweren Branchenriesen und Marktführern, sondern den kleineren Häusern. Belege dafür gibt es genügend. Drei Beispiele: Das Theater in Heilbronn präsentierte Ende vergangenen Jahres in einer viel beachteten Inszenierung die deutschsprachige Erstaufführung von Sir Andrew Lloyd Webbers (relativ unbekanntem) Werk "Jeeves". Das Staatstheater in Kassel unter der Intendanz des Herborners Christoph Nix legte mit "CHESS" die erste deutsche Fassung dieses packenden ABBA-Musicals vor. Und die Staatsoperette in Dresden scheint sowieso auf Trendsetter-Kurs zu sein: Der deutschen Erstaufführung von Webbers "Aspects of Love" im Jahr 1997 soll in der nächsten, 2003-er Spielsaison "The Beautiful Game" aus der Feder des gleichen Komponisten folgen - ebenfalls in Deutsch.
Nun schließt auch das kleine Landestheater in Coburg auf. Die Oberfranken unter Federführung von Ernö Weil haben den Show-Multis die Rechte für die Deutschland-Premiere des vielgepriesenen und Oscar-geschmückten Kander & Ebb-Wurfs "Kuss der Spinnenfrau" vor der Nase weggeschnappt und dieses geniale Werk in einer faszinierenden und packenden Version auf die Bühne gebracht. Regie: Detlef Altenbeck. Die Premiere erfolgte am 11. Mai, weitere Aufführungen sind für den 5., 9., 16., 20 und 21 Juni jeweils um 19.30 Uhr angesetzt. Am 16. Juni gibt es zum 14 Uhr eine zusätzliche Vorstellung. Karten gibt es unter Tel. (09561) 92742.

Das knutschende Spinnenweibchen - die deutschsprachige Erstaufführung war 1993 im Wiener Raimund-Theater über die Bühne gegangen - zählt jetzt nicht unbedingt zu den Mainstream-Stücken für die breite Publikumsfront. Es war seinerzeit in Österreich teilweise wüst geschmäht worden, weil ein Musical nun mal in erster Linie nett zu sein und gefälligst auch ein Happy-End zu bieten hat. Da haben reale Dinge wie Folter, Diktatur und Homosexualität nun mal nichts zu suchen.

In der Tat stößt "The Kiss of the Spiderwoman", das auf der düsteren Romanvorlage des Argentiniers Manuel Puig beruht, damit in thematische Grenzbereiche des Genres vor. Doch inzwischen hat sich das ersthafte Musical-Drama neben der bekömmlicheren Musical-Comedy auch hier zu Lande einen festen Platz erobert.

John Kander (Musik) und Fred Ebb (Texte), denen wir solche Perlen wie "Chicago" und "Cabaret" verdanken, fokussieren in diesem, ihrem wohl besten gemeinsamen Werk Menschenschinderei und Unterdrückung im Knast eines faschistischen, lateinamerikanischen Regimes. Auf engsten Raum sind zwei recht unterschiedliche Typen zusammengepfercht: Der Revolutionär Valentin und der schwule Schaufensterdekorateur Molina. Letzterer erträgt die gnadenlose Wirklichkeit nur Kraft seiner Fantasie, in dem er sich die betörende Leinwand-Diva Aurora ins seine Zelle träumt, die aber letztendlich zur mörderischen Spinnenfrau mutiert und ihm den tödlichen Kuss verpasst. Ein Kunstgriff, der Molinas Ermordung durch die Aufseher inhaltlich und bildlich verstärkt.
Die komplexe Partitur ist von einer erstaunlichen Variationsbreite, beinhaltet eine Fülle fesselnder Melodien und erstreckt sich von bewegenden Balladen über ernste, dramatische Sequenzen bis hin zu humorvollen, glitzernden Show-Passagen. Zuletzt lief "Kuss der Spinnenfrau" Anfang vergangnenen Jahres im schweizerischen St. Gallen mit "Miss Velma Kelly" Anna Montanaro, Carsten Lepper, dem "Lucheni" der Essener "Elisabeth"-Produktion, und Matthias Sanders in den Hauptrollen. In Coburg verstärken Agnes Hilpert (Aurora), Ralf Meyring (Valentin) und Alen Hodzovic (Molina) als stimmgewaltige Gastkünstler das Ensemble des Hauses. Erstere beiden sind noch von John Dews Bonner erster freier "Les Misérables"-Inaszenierung in guter Erinnerung, letzterer verkörperte in der vielbeachteten Aufführung von "Sweeney Todd" im Staatstheater Mainz den Anthony Hope.

Ein Kritiker sprach nach der umjubelten Premiere vom neuen oberfränkischen Bonsai-Broadway. Wer der technisch hoch gerüsteten Glitzerpaläste überdrüssig ist, wird hier mit diesem etwas anderen Musical allemal gut bedient.

(Jürgen Heimann, 03.06.2002)