Friedliche Revolution in der Hauptstadt
"Les Misérables" lässt Berlin als Musicalstadt glänzen

Dort, wo "Damen und Herren" nicht lapidar das WC sondern ein "Cabinet" besuchen, erstrahlt eines der schönsten und stilvollsten Musical-Theater Deutschlands in neuem Glanz - das "Theater des Westens" in Berlin.
Nach monatelanger, kostspieliger Renovierung staunt der geneigte Musicalbesucher nicht schlecht angesichts des ehrwürdigen Gemäuers. Scheinbar zentimeterdicke, tiefrote Tapeten zieren das Auditorium, prunkvolle Kronleuchter komplettieren das Foyer und aufwändig restauriertes Mobiliar lässt das Publikum nicht nur tief im Sessel sondern in einer Zeit weit vor der unseren versinken - das ideale Haus für ein historisches Musical wie "Les Misérables"!

Und auch dieses strahlte in seiner Spielortpremiere am 26. September einen neuen Glanz aus. Zwar wurden Bühne und Kulisse der bekannten Cameron Mackintosh-Produktion fast komplett aus New York übernommen und haben somit bereits einige Jahre auf dem Buckel, aber der überaus positiven Wirkung des Gesamtwerks tut dies keinen Abbruch.
Von vielen - mittlerweile etwas gereifteren - Theatergängern, die sich noch gut an die Zeit der "Elenden" in Duisburg entsinnen konnten, war im zufriedenen Ton zu vernehmen, "Les Miz" hätte endlich ein standesgemäßes "Zuhause" gefunden.
Ein standesgemäßes Zuhause und eine neue Darstellergeneration.

Oleh Vynnyk verkörpert den Jean Valjean. Der gebürtige Ukrainer begann seine musikalische Laufbahn als Gitarrist einer Band, lange bevor er Ende der 90er Jahre als Darsteller in einer Europa-Tournee Musicalluft schnupperte und direkt im Anschluss Engagements in "Der Glöckner von Notre Dame" und "Titanic" wahrnahm. Im wahrsten Sinne des Wortes ein "Reifungsprozess", der sich nicht nur in einer außergewöhnlich angenehmen Bühnenpräsenz widerspiegelt. Auch die sanft und zugleich bestimmt wirkende Gesangsstimme des Tenors sowie seine überwiegend akzentfreie Aussprache, runden das Gesamtbild eines "neuen" Valjean ab, der mit der Welt hadern, ihr aber auch überaus dankbar sein kann.

Genauso wie Oleh Vynnyk sind auch die Darstellerinnen der Eponine, Vera Bolten, und der Fantine, Ann Christin Elverum, bereits länger im Musik- und Musical-Business, können aber durchaus noch zum "Nachwuchs" auf den ganz großen Musicalbühnen gezählt werden. Vera Bolten hatte bereits in der Bonner Inszenierung von "Les Misérables" die Möglichkeit, Erfahrungen mit ihrer Rolle zu sammeln, was sich nun in Berlin sehr positiv durch Sicherheit und Überzeugungskraft ausdrückt. Ann Christin Elverum war zuletzt in der Essener Inszenierung von "Elisabeth" und in der weiblichen Hauptrolle des Wildhorn-Stückes "The Scarlet Pimpernel" in Halle zu sehen. Hier wie dort vor ergriffenem Publikum.

Heike Schmitz, die zusammen mit Vera Bolten bereits in Bonn auf der Les Miz-Bühne stand, und Ulrich Wiggers - Multitalent vor der Fernsehkamera und in den verschiedensten Theaterrollen - schlüpfen in die Rollen des schrägen Wirtspaars Thénardier. Ein Publikum zum Lachen zu bringen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben eines Darstellers - bei Les Misérables aufgrund des düsteren, anspruchsvollen Rahmens ist dies sicherlich nicht weniger anspruchsvoll. Hier nutzen Heike Schmitz und Ulrich Wiggers ihre Chance, alles zu geben und das Publikum aus der elaborierten Handlung voll und ausschließlich in ihren Bann zu ziehen - und "ganz nebenbei" passen die Berliner "Thénardiers" auch optisch voll in das zu transportierende Klischee.

Ganz ohne einen "etablierten Musicalstar" sollte allerdings wohl auch diese Produktion nicht über die Bühne gehen. Uwe Kröger, der in den letzten Monaten ein Revival als "Tod" in der mittlerweile abgespielten Essener Produktion von "Elisabeth" feierte, wurde für die Rolle des "Inspector Javert" gewonnen. Eine harte Umstellung für den ansonsten eher auf die smarten Rollen abonnierten Darsteller, die ihm bei der Pressepremiere am 25. September nicht mit Bravour gelang. Die schweren, steifen Kostüme des "Javert" schienen Kröger einzuschränken und beraubten ihm eines Großteils seiner ansonsten im Übermaß vorhandenen Bühnenpräsenz, so dass er in Szenen wie "Stern" auf der großen Berliner Bühne relativ verloren wirkte. Die Härte des Polizisten zu sich selbst und seiner Umwelt versuchte Kröger in dieser Vorstellung stimmlich zu überbringen, indem er unsicher auf Tiefe und Rauheit setzte. Das Publikum schien Zeuge eines Kampfs zwischen Kröger und "Javert" zu werden, den der Inspector gewann. Zwei Wochen nach der Premiere hatte Uwe Kröger seine Rolle dann aber endgültig im Griff und damit bewiesen, dass ihn auch der "Inspector Javert" vor kein unlösbares Problem stellt.

"Les Misérables" in Berlin - endlich wird dieses Meisterwerk von einem phänomenalen Ensemble in einem der schönsten Musicalhäuser Deutschlands gespielt. Bei hervorragender akustischer Verständlichkeit und technischer Präzision versinkt das Publikum ganz in der Zeit der französischen Barrikadenkämpfe. Ein Erlebnis, das sich niemand entgehen lassen sollte!

(Marco Reuschel, MrMusical, 14.11.2003)