Historischer Straßenkampf am Dom

Äußerst gelungene Tourneeproduktion von "West Side Story" derzeit in Köln

Ein paar Jahrzehnte müssen in den letzten Monaten im Musical Dome zu Köln vergangen sein. Stehkrägen und farblich eher dezente Roben des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben Abschied genommen, Muscleshirts und knallige Kleider sind eingezogen.
Dennoch hat uns der zwischenzeitlich auch auf dieser Bühne zelebrierte Time Warp nicht ganz in die Gegenwart geschickt. Wir stecken in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts - und das ist auch gut so!

Wie viele Kreative haben sich schon daran versucht, Musical-Klassiker wie "My Fair Lady", "Hair" und "Linie 1" mit zumeist äußerst zweifelhaftem Versuch in die Neuzeit zu adaptieren? Ist es wirklich nötig, dass das Phantom in zehn Jahren nicht in seinen Katakomben sondern einem Versorgungsschiff der internationalen Raumstation mit blonder Perücke und Jogginganzug an einem Notebook anstelle der Orgel Rap statt Opern komponiert? - Nein!

Genauso wenig muss ein New Yorker Straßenkampf aus den Fünfzigern in den Irak oder in das Köln der Neuzeit versetzt werden. Und glücklicherweise hatten die Kreativen der aktuell durch Deutschland tourenden "West Side Story"-Produktion ein Einsehen: Sie zeigen ihrem Publikum eine "West Side Story", die auch wirklich in New York spielt … und spricht!

Die Zuschauer müssen sich nämlich nicht mit "Denglisch", also englisch ausgesprochenem Deutsch, verunstalteten Texten herumärgern sondern bekommen ein gut verständliches und dennoch von bewusst eingesetztem amerikanischen und puertoricanischem Slang durchzogenes Englisch serviert. Zwei an den Bühnenseiten montierte Leinwände zeigen zusätzlich eine nicht immer gute, aber verständliche deutsche Übersetzung der Texte.
Das Bühnenbild ist selbst für eine Tourneeproduktion zu spartanisch ausgefallenen und besteht im Prinzip nur aus zwei beweglichen, baugerüstähnlichen Konstrukten. Hier fehlen für die doch eigentlich gar nicht so abstrakt und minimalistisch angelegte Produktion weitere optische Highlights, wie z. B. ein paar brennende Tonnen oder Reklameschilder. Sehr positiv hebt sich davon das einzige konkret als solches erkennbare Zimmer - der Brautladen - ab, in dem Puppen und Kleider für die nötige Abwechslung auf der Bühne sorgen.

Das Ensemble erledigt den Rest! Äußerst ansehnliche Körper, angenehme, prägnante Stimmen sowie außergewöhnliche und sehr stimmige, exakte Tanzeinlagen transportieren die breite Palette der Emotionen von der Bühne in den Zuschauerraum. Und das, obwohl die Namen der Darsteller nicht vertraut klingen: Ryan Silverman und Sean Attebury als Tony; Laura Griffith und Carolann Sanita in der Rolle der Maria; Lana Gordon als Anita; Oscar Loya als Bernardo und Paul Stolarsky in der Rolle des Doc.

Hier spielt nicht die allererste Garde, aber eine hervorragend zusammengestellte, homogene Gruppe hochmotivierter und bestens ausgebildeter Musicaldarsteller.
Die "West Side Story" wird Köln am 25.07.2004 bereits wieder verlassen, macht aber nach einer kleinen Sommerpause noch Station in der Deutschen Oper Berlin (17.08. - 05.09.2004) und im Musicaltheater Bremen (07.09. - 19.09.2004).

(Marco Reuschel, MrMusical, 20.07.2004)