Vom Missionar, der in den Norden zog

"Bonifatius - das Musical" zum dritten Mal in Fulda, bald in Bremen

Es scheint fast so, als würde sich die Geschichte wiederholen: 754 n. Chr. machte sich der Missionar Bonifatius auf den Weg in den Norden, um die heidnischen Friesen zu bekehren. Mehr als 1200 Jahre später zieht es "Bonifatius" - diesmal "das Musical" - erneut in den Norden. Ab dem 12. Oktober kommt das Bremer Publikum in den Genuss des bahnbrechenden Musicals.

Schon in der dritten Spielzeit ist "Bonifatius - das Musical" bis zum 06. September 2006 in Fulda zu sehen. Da Fulda im 8. Jahrhundert eine der wichtigen Stationen des Protagonisten war, konnten Komponist Dennis Martin und Autor Zeno Diegelmann zunächst ein Grundverständnis des Publikums für die Thematik voraussetzen. Bereits im zweiten Jahr strömten jedoch Zuschauer aus weiten Teilen des Landes in die Domstadt, und jetzt, in der dritten Spielzeit, sollen auch die (weitgehend evangelischen) Bremer dem Handlungsstrang problemlos folgen können. Aus diesem Grund versprachen die Kreativen drei neue Szenen und zwei neue Songs. Die Szenen und Musikstücke passen sich eher unauffällig in das Musical ein und bleiben musikalisch neben den bereits bekannten Ohrwürmern nicht lange in Erinnerung. Inhaltlich tragen sie jedoch enorm zum Verständnis des Lebenswerkes Bonifatius' bei und verstärken die Dramaturgie des Werkes noch weiter. Furcht, Hass und Spannung bauen sich atemraubend immer wieder auf und gipfeln zumeist in einem furiosen Auftritt des personifizierten Guten - Bonifatius.

Hierzu trägt interessanterweise auch die im Vergleich mit der letzten Spielzeit weitestgehend unveränderte Kulisse bei, die auf den ersten Blick für die ausstattungsverwöhnten Augen der Besucher anderer großer Produktionen fast schon zu abstrakt und minimalistisch erscheint. Eckige Kisten, ein paar Stühle, Ballettstangen und eine Treppe müssen ausreichen, in der Phantasie des Zuschauers die verschiedensten Orte, von der (von Bonifatius gefällten) Donar-Eiche bis hin zum Amtszimmer des Papstes zu erzeugen. Dank einer detailliert ausgetüftelten "Choreographie" der (völlig zu Recht in den Schlussapplaus integrierten) Bühnenmitarbeiter, die sämtliche Gegenstände ohne technische Hilfe präzise und effektvoll bewegen, gelingt dies jedoch fast ohne Abstriche und aktiviert zudem die Kreativität des Zuschauers, der sich so aktiv einbezogen fühlt.

Man möchte fast meinen, dass die Verantwortlichen von "Bonifatius - das Musical" nicht nur inhaltlich eine Besinnung auf das Wesentliche erhoffen ("Mensch, besinn Dich auf die Fähigkeit zu glauben"), sondern dies auch in ihren musicalischen Entscheidungen selbst umsetzen. Musical fußt bekanntermaßen auf Gesang, Schauspiel und Tanz, und in diesen Disziplinen wird erfreulicher "Maximalismus" betrieben.
Schon in den vergangenen Jahren konnten hervorragende Akteure verpflichtet werden, aber die Suche nach der "perfekten Cast" scheint noch nie so gut, wie in dieser Spielzeit gelungen zu sein.

Was für den Zuschauer eine Wohltat für Ohr und Auge ist, bringt den Rezensenten in Zugzwang, da hier nicht alle Darsteller vorgestellt werden können, auch wenn sie es wahrlich verdient hätten.

Jasmina Sakr, die in "Bonifatius - das Musical" die Rolle der Alrun spielt, singt sich nicht nur in das Herz von Sturmius, sondern erobert auch das Publikum im Sturm. Mit ihrer angenehmen Stimme und dem zur Rolle perfekt passenden Äußeren, bringt sie bereits die wichtigsten Voraussetzungen für eine Idealbesetzung mit. Musicalfreunde, die bereits länger dem Geschehen auf deutschen Bühnen folgen, mögen sich zudem absolut positiv an die Zeit der ersten großen Rollen von Sanni Luis zurückerinnern, da beide Darstellerinnen erstaunliche Ähnlichkeiten aufweisen.

Auch am Anfang einer womöglich großen Musical-Karriere steht Luciano Di Gregorio, der den Bonifatius-Schüler Sturmius darbietet. Sturmius ist im Stück hin- und hergerissen zwischen seinem Lehrer, seinem Glauben, seiner kirchlichen Zukunft und der schönen Alrun. Die ruhigen Töne überbringt Luciano Di Gregorio mit ein sanften Tembre, vermag aber fast übergangslos auch die nötigen harten Töne gegen seine Widersacher auszustoßen, ohne dabei übertrieben theatralisch zu wirken. Zusammen mit Jasmina Sakr auf der Bühne geht dem Zuschauer seine Entscheidung gegen ein Leben mit Alrun besonders nah.

Bereits in der letzten Spielzeit war Ethan Freeman in Fulda als "Bonifatius" zu sehen. Ein Glücksfall für die Produzenten, gleichzeitig aber auch ein Problem: Hier war der perfekte Darsteller bereits gefunden, jede Umbesetzung hätte einen klaren Rückschritt bedeutet. Umso erfreulicher für alle, dass der vielbeschäftigte Akteur auch in diesem Jahr wieder die Hauptrolle übernimmt.
Ethan Freeman verkörpert "Bonifatius" nicht einfach, es scheint vielmehr, als schlüpfe der Geist des Gottesmannes Abend für Abend persönlich in ihn, um seine ureigenen Gedanken, Gefühle und Visionen preiszugeben. Mimik, Körpersprache, Präsenz und nicht zuletzt seine begnadete Stimme lassen das Publikum in tiefe Gefühlswelten eintauchen.
Die deutsche Musicalszene kann immer wieder einfach nur dankbar und glücklich darüber sein, dass es diesen Ausnahmedarsteller seinerzeit von Amerika nach Europa gezogen hat und er auch für Stücke wie "Bonifatius - das Musical" bereit steht, bei denen der Erfolg nicht unbedingt vorprogrammiert ist. Sicherlich trägt dieser Darsteller auch zu einem erheblichen Teil zum hervorragenden Gesamtergebnis des Musicals bei.

Für den menschlichen Bonifatius war die Missionsreise ins friesische Dokkum seine letzte. Hier trennen sich hoffentlich die Schicksale des Heiligen und seines Musicals: Bremen sollte für das Musical des Jahres 2005 nur der erste Zwischenstopp sein, um an den unterschiedlichsten Orten - national und international - viele Menschen in seinen Bann zu ziehen.

(Marco Reuschel, MrMusical, 01.09.2006)