Eine Liebeserklärung an die Kunst des Musicals

Wer sich dieser Tage auf den Weg zum Konzert "Das Phantom der Oper" in das Ronacher in Wien aufmacht, ist wahrscheinlich ein "Profi". Ein "Profi", der weiß, worauf er sich einlässt, wenn kein Kronleuchter fällt und kein Boot über einen Nebelsee fährt. Er verlässt sich voll und ganz darauf, dass neben dem eigentlichen Stück die Magie des mit über 40 Musikern besetzten Orchesters der Vereinigten Bühnen Wien und der Sängerinnen und Sänger ihre Wirkung entfalten.


Der Kronleuchter im Ronacher. Foto: Marco Reuschel

Und das, was der durch eine lange Dürre der gewinnoptimierten Pseudoproduktionen gegangene Zuschauer dann erlebt, sprengt seine Vorstellungskraft, holt tief verschüttete Gefühle aus Zeiten großer, mit Herzblut gespielter Stücke wieder hervor und reichert diese sogar noch mit weiteren Dimensionen an:

Der machtvollen Intensität körperlicher Hingabe beim Durchleben des Phantoms durch Christian Alexander Müller und schauspielerischen Strahlens, mit der Anna Carina Buchegger aus Meg Giry eine Hauptrolle erwachsen lässt.

Der betörenden Reinheit von Lisa Antonis - Christines - Stimme und Andreas Gergens phantasieanregender Regie.

Der kraftvollen Umklammerung des durch den Saal auftretenden, das Publikum mitnehmenden Chores und einer bühnen- und herzerfüllenden Mimik Reinhard Brussmanns.

Der unwiderstehlichen Erotik des Tanzes eines einzelnen Ballettpaares (Emma Hunter und Aleksandar Savija) und vieler Bögen auf echten Streichinstrumenten.

Dem erfrischenden und den ersten Szenen des Stückes endlich einen Sinn stiftenden Humor der Siphiwe McKenzie als Carlotta sowie der schauspielerischen, teils subtilen Einbeziehung des Musikdirektors und Dirigenten Koen Schoots.

Die Macher nennen das eine "Konzertante Aufführung" - ich nenne es eine Liebeserklärung an die Kunst des Musicals; die schon fast verloren geglaubte Kunst, nicht nur dem Zuschauer, sondern allen Beteiligten Glück in die Gesichter zu zaubern.

(MrMusical; Marco Reuschel, 08.12.2012)