Les Misérables: Gefühl in Nahaufnahme

Schon seit längerer Zeit stelle ich mir die Frage, wie ich in einigen Jahren anderen Menschen meine Freude am Musical erklären können werde. Am besten wäre natürlich, sie einfach mit in das Theater zu nehmen und die Faszination gemeinsam zu erleben. Aber immer mehr der Musicals, auf denen mein Enthusiasmus für dieses Genre basiert, werden auf Spar- und Tourneeproduktionen reduziert oder gar komplett abgesetzt. "Les Misérables" wird zumindest noch am Londoner West End gezeigt aber ich wage nicht zu hoffen, dass dies zum Beispiel auch in 10 oder 15 Jahren noch so sein wird.


Als "Les Misérables" noch en-suite in Deutschland gespielt wurde: Das Musical Theater Duisburg. Foto: Marco Reuschel

Wirklich konserviert werden kann das Theatererlebnis natürlich nicht ein Medium lässt sich nicht verlustfrei in ein anderes übertragen aber professionelle Livemitschnitte oder auch Musicalverfilmungen können als eigenständiges Medium so gut realisiert sein, dass sie das Musical in sich und somit in die nächste Generation tragen. Während es zur Zeit der klassischen Musicals oftmals sehr gut gelang, eine hervorragende Filmadaption zu produzieren ich möchte hier stellvertretend für viele sehenswerte Filme "My Fair Lady" und "West Side Story" nennen schaffen diesen Schritt in der Neuzeit nur wenige Musicals. "Evita" und "Das Phantom der Oper" sind sicherlich Beispiele, die in die Sammlungen des Musicalfreundes gehören. Hinzu gesellen sich Livemitschnitte und Pseudo-Livemitschnitte aus Theatern, die dem Filmschaffenden deutlich weniger eigene Kreativität erlauben, jedoch natürlich näher am Theatererlebnis rangieren. So wurde zum Beispiel eigens für eine solche Produktion "Cats" in Starbesetzung neu auf die Bühne gebracht und abgefilmt leider ohne Publikum im Zuschauerraum, was den Mitschnitt ad absurdum führt. Spannenderweise gehört "Tabaluga und Lilli" zu den hervorragenden und auch noch in Deutschland produzierten Livemitschnitten und "Les Misérables" um wieder zum eigentlichen Thema zurückzufinden belegt mit der konzertanten Gala-Aufführung zum 10. Geburtstag der Show aus London weiterhin den Spitzenplatz dieses Genres.

Gehört aber die vor wenigen Tagen im Kino angelaufene und im Vorfeld zum Teil auch negativ kritisierte Musicalverfilmung "Les Misérables" zu den Filmen, die ein Musical in die Zukunft tragen?

"Les Misérables" rückt deutlich die Bilder in den Vordergrund: pompöse Landschaftsaufnahmen, beeindruckende Kulissen, detailverliebte Masken, geniale optische Sequenzübergänge. Gleichzeitig ist der Film aber auch auf dreierlei Weise leise: Regisseur Tom Hooper hetzt nicht durch den Film, sondern gibt jedem Handlungsstrang genügend Zeit, um selbstständig wirken zu können. Als Akzent gegen die optische Reizüberflutung setzt er insbesondere bei Soli oftmals ausschließlich den Kopf des Akteurs in einer Art bewegtem Portraitfoto ein, mit einer selektiven Schärfe/Unschärfe, die jeden Fotografen in reinste Verzückung versetzt. Und drittens ist der Film auch musikalisch leise.

Genau das erstaunt und verunsichert in den ersten Minuten des Films. Während bombastische Bilder ein riesiges Schiff zeigen, das von Strafgefangenen mit purer Muskelkraft in ein Dock gezogen wird, wirkt das intonierte "Look down" geradezu trocken und hintergründig. Dies ist der im großen Film völlig neuen Idee geschuldet, die Songs nicht vor Drehbeginn im Studio aufzunehmen, sondern sie die Darsteller während des Drehs und somit mitten in der emotionalen Situation singen zu lassen. Bei Ensembleszenen, die im Theater und auch im Studio aufgrund der geballten Gesangskraft und des engen Raumes naturgemäß besonders wuchtig wirken, ergibt sich hier der größte Unterschied zum vorliegenden Film mit seiner optischen und akustischen Weite und Natürlichkeit. Daran muss sich der Theatergänger gewöhnen, wird aber bei Soli und Duetten mehr als versöhnt. Hier trifft nämlich die emotionale Livesituation auf die besondere, mit der Kamera möglich werdenden Nähe und verwächst zu purem Gefühl.

Neben diesen Unterschieden zwischen Film und Theater lässt sich aber auch deutlich die beides harmonisierende Kraft des bedeutenden Musicalproduzenten Cameron Mackintosh spüren und erleben, der auch als Produzent des Films wirkt. In vielen Szenen können Kenner der Originalinszenierung im Film zum Beispiel Gesten wiederfinden, die die Erinnerung an das eigentliche Theatererlebnis wiederaufleben lassen.

Eine weitere, ganz besondere Verbeugung an die originale Theaterproduktion und zugleich ein Leckerbissen für langjährige Musicalfreunde hat das Filmteam in Gestalt vieler Les Misérables-Bühnen-Allstars geschaffen. Die Meisten von Ihnen sind in kleinen Rollen zu sehen, so wie Hadley Fraser, der erst vor Kurzem am West End brillierte und Linzi Hateley, die untrennbar mit der Rolle der Eponine verknüpft ist. Colm Wilkonson aber, Originalbesetzung des Jean Valjean in London und New York und unverändert nicht wieder erreichte Verkörperung der Hauptrolle, hat in Gestalt des Bischofs von Digne einen wohltuend längeren Auftritt. Selbst nach einem Vierteljahrhundert hat dieser Ausnahmekünstler nichts von seiner Präsenz und Ausstrahlungskraft verloren.

Doch auch der Film-Valjean, Hugh Jackman, hat neben seiner Filmkarriere Erfahrungen mit Bühnenmusicals gesammelt und spielt die Rolle durchdringlich und gesanglich überzeugend. Insbesondere die Szenen seines inneren Kampfes zwischen Fortsetzung der Flucht und Aufgabe sowie die Zusammentreffen mit Inspektor Javert gewinnen durch ihn an Intensität und Glaubwürdigkeit. Eine fast schon unerträglich bedrückende Authentizität bringt Anne Hathaway in ihrer kurzen Rolle als Fantine auf die Leinwand. Ihr Weg von der gemobbten Fabrikarbeiterin in den Tod führt über die beeindruckendste Sequenz des Films: dem Lied "I dreamed a dream". Regisseur Hooper verlässt sich hier ausschließlich auf das Gesicht der Darstellerin in Nahaufnahme. Kein Schnitt, kein Schwenk, keine anderen Bildelemente. Hier offenbart sich Schauspielkunst in höchster Perfektion, die bereits mit dem Golden Globe Award für die "Beste Nebendarstellerin" geehrt wurde.

Die in anderen Rezensionen kritisierten Gesangsfähigkeiten weiterer Darsteller sind jedoch leider auch nicht aus der Luft gegriffen. Es trifft hier vor allem Russell Crowe in der zweiten männlichen Hauptrolle als Inspektor Javert, dessen Stimmkraft weit hinter der seiner Schauspielkunst zurückbleibt. Insgesamt tut das dem Gesamtkunstwerk jedoch keinen Abbruch.

Im Gegenteil, der Film ist mehr eine Ergänzung des bisher Gewesenen. Behutsame Konkretisierungen der Handlung, z. B. die Darstellung der Strafkolonne am Beginn des Plots oder ein filmisches Déjà-vu zur Kraft des Jean Valjean erlauben ein noch tieferes Eindringen in den Plot. Kürzungen, z. B. der Kanal- und Hochzeitssequenz sowie beim Handel mit den Thénardiers um Cosette fallen nicht sonderlich negativ auf, sondern werden von den Rollen teilweise sogar kommentiert.

"Les Misérables" in der aktuellen Verfilmung ist absolut sehenswert und konserviert uns Musicalfreunden zumindest einen Teil des Bühnenstücks für die Zukunft. Zusammen mit der Aufnahme des 10th Anniversary Concerts sind die Bereiche "Schauspiel" und "Gesang" hervorragend abgedeckt. Bleibt noch die originale Theaterinszenierung ansich, die aus meiner Sicht auch nicht in Vergessenheit geraten sollte und die Hoffnung, dass sich bereits ein Livemitschnitt in den Schubläden der Produzenten befindet, der nach dem letzten Vorhang in London veröffentlicht wird.

(MrMusical; Marco Reuschel, 24.02.2013)