Musical-Liebe stirbt nie

Vereinigte Bühnen Wien überraschen mit einem "Love Never Dies"-Konzert, das viel mehr ist.

Heute ist es mir tatsächlich passiert: Ich musste an die vielen tausend Menschen denken, die mit mir zur gleichen Zeit - am Samstagabend - in den Musicaltheatern sitzen und für viel Geld mittelmäßige Produktionen zu sehen bekommen. Schlechte Stücke, unstimmige Inszenierungen, leere Orchestergräben, unmotivierte Darsteller.
Glücklicherweise hatte ich vor einiger Zeit beschlossen, musicalischen Enttäuschungen zu entgehen und meine langjährige Erfahrung dafür zu nutzen, schon vorab die Spreu vom Weizen zu trennen.

So saß ich diesen Samstag (wieder) im Ronacher in Wien, denn der vorangegangene Ruf der Vereinigten Bühnen versprach nicht nur die Fortsetzung der im letzten Jahr mit "Das Phantom der Oper" gestarteten und zu Recht mit höchstem Lob überschütteten konzertanten Reihe großer Musicals mit großem Orchester, sondern mit "Love Never Dies" auch die inhaltliche Weiterführung des Plots.

Letztes wie dieses Jahr stand und steht das über 40 Musiker umfassende Orchester unter der Leitung von Koen Schoots im Mittelpunkt der Produktion:
Mitten auf der Bühne platziert spielen sich die Meister ihrer Instrumente mit einem sagenhaft satten Sound in die Herzen des Publikums. Dies ist - nicht zuletzt aufgrund der von vielen Bühnen eingeleiteten Sparmaßnahmen - im deutschsprachigen Musical-Raum wahrscheinlich der letzte Ort, an dem sich die Quantität eines riesigen Orchesters und die Qualität der eingespielten Profis an echten Instrumenten auf angenehmste Art und Weise verbinden.

Während im letzten Jahr bei "Das Phantom der Oper" mit etwas interpretatorischer Dehnung von einem Konzert mit szenischen Erweiterungen gesprochen werden konnte, das sicherlich die meisten Zuschauer so auch für "Love Never Dies" erwartet hatten, überrascht Regisseur Andreas Gergen in diesem Jahr mit einer Inszenierung, die ein Konzert weit hinter sich lässt und eher an besonders hochwertige "Cabaret"-Produktionen erinnert. Mit einfachen Mitteln wie drei Lichterketten, extrem kontrastrierenden pinken Bändern sowie weißer Schminke zaubert er ein komplett wirkendes Setting, das so auch in einer Vollinszenierung durchgegangen wäre. Hinzu kommen ansprechende Kostüme, erotisch-fesselnde Choreographien und ein stimmungsvolles Lichtdesign.

In der Einleitung in das Stück werden in Wien szenische Elemente des Endes von "Das Phantom der Oper" gezeigt und erzeugen so direkt das wohlige Gefühl des Bekannten. Hat man damit erst einmal die Entfernung zum puren Konzert verarbeitet, überrascht es plötzlich nicht mehr, ein Ensemble vorzufinden, das sich neben sehr guten gesanglichen Leistungen dem Spiel hingibt und die großen Bandbreiten der Charaktere vollends ausfüllt.

Drew Sarich als "Mister Y" bzw. dem Phantom wechselt gekonnt zwischen den Extremen des einfühlsamen Geliebten und des rücksichtslosen Erpressers hin und her. Barbara Obermeier rettet für Meg Giry sehr passend einen Teil ihres aktuellen Parallelengagements bei "Natürlich blond" herüber, vermittelt aber auch eindrucksvoll den Wahnsinn der Verstoßenen; genauso wie Maya Hakvoort, die als Madame Giry mimisch überragt. Der mittlerweile abgehalfterte und verschuldete Raoul wird von Julian Looman authentisch bemitleidenswert dargeboten, und dennoch funkelt ab und zu der strahlende Liebhaber der vergangenen Zeiten hindurch.

Die große Cast-Überraschung der Show ist sicherlich Milica Jovanović, die zwar bereits mehrere Gesangswettbewerbe gewonnen und an regionalen Bühnen sowie bei Festspielen Musicalrollen übernommen hat, einem überregionalen Publikum jedoch weitestgehend verborgen blieb. Das wird sich durch die grandiose Leistung als Christine Daaé sicherlich schnell ändern. Jovanović verfügt über eine klassisch ausgebildete Stimme, die sie technisch perfekt einzusetzen weiß. In Kombination mit ihrem sehr überzeugenden, breit gefächerten Spiel von warmherzig über unentschlossen bis hin zu zügellos haucht sie Christine Daaé ein menschliches Leben ein und erweitert so die Rolle um eine dem Publikum nahbare Komponente.

Wie alle anderen Zuschauer werde ich an diesem Abend minutenlang stehende Ovationen spenden und glücklich das Theater verlassen - auch Musical-Liebe stirbt nie.
Wir haben ein sehr gutes Stück in einer brillanten Inszenierung mit Livemusik der Extraklasse und durchgehend motivierten, hochprofessionellen Darstellerinnen und Darstellern gesehen. Dennoch sind die nur acht Vorstellungen noch nicht ausverkauft. Wieder denke ich an die vielen tausend Musicalbesucher, die im gleichen Moment aus mittelmäßigen Produktionen strömen. Haben sie eine Ahnung davon, dass sie gerade die Zukunft des Musicaltheaters beeinflusst haben? Musical war und ist neben aller Kunst und Emotion auch das Produkt eines Wirtschaftsunternehmens, bei dem der Kunde die Weichen mit seinem Ticketkauf selbst stellt. Es lohnt sich, darüber einmal nachzudenken. Wien ist in diesen Tagen definitiv eine Reise wert.

(MrMusical; Marco Reuschel, 19.10.2013)